Sol Gabetta im Interview

«Es ist die Verbindung von Natur und Musik auf höchstem Niveau.»
Die 1981 geborene argentinische Musikerin mit Schweizer Wohnsitz wird weltweit gefeiert. Ihre internationale Karriere wurde im Jahre 2004 lanciert, als sie den renommierten «Crédit Suisse Young Artists-Award» gewann, eine der höchst dotierten Auszeichnungen für junge Musikerinnen und Musiker. Die Preisträgerkonzerte im Herbst 2004 mit den Wiener Philharmonikern unter der Leitung von Valery Gergiev öffneten Sol Gabetta verschiedene grosse Türen in die Musikwelt. Heute ist sie auf allen grossen Podien der Welt anzutreffen. Seit Oktober 2005 unterrichtet sie als Assistentin von Ivan Monighetti an der Musik-Akademie in Basel. Sie ist außerdem Initiatorin des Kammermusikfestivals SOLsberg im schweizerischen Olsberg.
Classicpoint.ch: Sie sind in Argentinien aufgewachsen und leben heute in der Schweiz. Wo sehen Sie die Unterschiede der beiden Länder im Bezug auf die klassische Musik?
Die klassische Musik ist hier in Europa einfach weiter entwickelt als in Argentinien. Sie wird mehr gefördert und besser unterstützt. Ich denke, dass Deutschland die grösste Dichte an kulturellem Angebot hat. Es ist ein Luxus für alle Musiker, in Europa zu leben und die verschiedenen Kulturgeschichten, sei es der Musik wie auch anderer zu entdecken und zu erleben. Das ist in Argentinien einfach viel schwieriger. Schon die geographische Situation ist erschwerend. Die Distanzen der kulturellen Zentren sind weit auseinander. In Europa herrscht indes auf engem Raum eine unglaubliche Dichte an kulturellen Zentren.
Vermissen Sie Ihr Geburtsland Argentinien manchmal?
Ich vermisse die Wärme der Leute, das gute Essen und das Klima im Süden! Meine Familie wohnt in Europa seit ich hier bin. Das hilft sehr, um eine emotionale Stabilität neben dem Konzertleben finden zu können.
Sie sind auch halbe Russin. Haben Sie einen besonderen Bezug zur Musik russischer Komponisten?
Ich habe eine besondere Verbundenheit zu Russland und zur russischen Kultur. Meine Grosseltern sind beide 100% russisch, und wir haben immer als Kinder russisches Essen gegessen. Auch gesungen haben meine Grosseltern für mich auf russisch als ich klein war. Danach hatte ich 10 Jahre bei Ivan Monighetti studiert. Er war einer der letzten Schüler der Rostropovitsch-Klasse in Moskau und ist selber auch Russe. Danach habe ich noch 5 Jahre in Berlin bei David Geringas studiert, welcher auch Schüler bei Rostropovitch war. Mein ganzes Leben und Studium ist geprägt von der russischen Kultur.
Ich liebe die russischen Komponisten, allen voran Schostakowitch und Prokofieff, die eine politische Revolution und den Schmerz dieses Volkes in der Musik zeigen. Aber auch Rodion Shchedrin ist ein grossartiger Komponist, den ich sehr schätze und gerne spiele.
Sie haben bei Ivan Monighetti und David Geringas studiert. Was zeichnet die beiden Lehrmeister aus und was unterscheidet sie?
Ivan Monighetti ist mein musikalischer und kultureller Vater und Mentor. Noch heute spiele ich ihm ab und zu vor. Er hat mir nicht nur Cellounterricht gegeben, sondern auch allgemeinen Kulturunterricht. Bei jedem Stück, das ich gelernt habe, hat er mir auch das Leben des Komponisten und die Geschichte der damaligen Zeit näher gebracht. So erhielt ich einen wertvollen Zugang zu den Stücken. Für ihn war immer auch wichtig, dass ich gut schlafe, spazieren gehe und gesund esse, damit ich eine Balance zwischen Körper und Seele finde. Natürlich hat er mich auch sehr gefordert. Diese Art von Lehrer findet man heute fast nicht mehr. Das war für mich ein Riesenglück, ihn kennengelernt zu haben als ich 10 Jahre alt war.
Zu David Geringas kam ich erst viel später als ich bereits in Basel alle meine Diplome gemacht habe. Ich war älter und auch etwas erfahrener beim Studium und bei der Interpretation eines Stückes. Trotzdem hat mir David Geringas sehr viel beigebracht. Deswegen habe ich auch 5 Jahre bei ihm in Berlin studiert. Er hat mich unvoreingenommen angehört und beobachtet. Er hat mein Potenzial als Person und Musikerin gespürt und mein Profil gefördert und gestärkt, immer mit der nötigen Freiheit. Ich habe bei ihm gelernt, dass ich in mir noch vieles zu entdecken habe. Er hat meinen Horizont erweitert mit Sichtweisen, die für mich völlig neu waren.
Sie unterrichten nun selbst als Assistentin von Ivan Monighetti. Wie würden Sie Ihren persönlichen Unterrichtsstil beschreiben?
Nach 15 Jahren Studium mit solch grossartigen Lehrern lernt man genau, was Disziplin und ein starker Wille ist. Was der heutigen jungen Generation fehlt, ist meistens der Wille für etwas sehr lange kämpfen oder arbeiten zu müssen. Die Welt ist zwar nicht einfacher geworden, aber die Informationen sind meistens schon erhältlich, bevor man überhaupt die Lust, den Willen und die Energie entwickelt hat, etwas zu erforschen. Das will ich meinen Studenten von Anfang an zeigen. Sie spielen nicht für mich, nicht um mir zu gefallen oder nur um die Prüfungen zu bestehen. Das sind momentane Situationen, welche einen Freude bereiten können, aber keine grosse persönliche Entwicklung bei der Person schaffen können.
Ich versuche, meine Studenten auf ihren eigenen Weg zu führen, auf der Suche nach etwas eigenem, das sie in der Musik weiter geben können, der Moment "in der Musik" als ein Ereignis zu erleben.
Der "Moment" hat ein Leben, eine Emotion, eine Kraft und Individualität, welche aber früher oder später als "der Moment" nicht zu empfinden ist und nach dem man sehr gezielt und intensiv suchen muss, um ihn überhaupt in der Musik spüren zu können und damit auch das Publikum in eine andere Welt entführen zu können.
Wenn man Sie auf dem Konzertpodium spielen sieht, fällt Ihre physische Hingabe an die Musik, Ihr Temperament auf. Was geht in Ihrem Kopf während eines Konzerts vor? Sind Sie da immer voll in der Musik, denken Sie auch an das Publikum oder an Sachen, die mit dem Konzert nichts zu tun haben?
Während eines Konzertes bin ich nicht mehr die physische Person Sol Gabetta, obwohl meine Hände spielen und mein Kopf denkt. Das ist zwar sehr wichtig, aber gleichzeitig sekundär. Noch viel wichtiger ist, die Lebendigkeit, die Struktur und Form des interpretierten Stückes sichtbar zu machen. Das kann auf viele verschiedene Arten geschehen und sich auch täglich ändern. Das Ziel bleibt aber stets das gleiche.
Was, denken Sie, sollte man tun, um klassische Musik einem breiteren Publikum zugänglich zu machen? Wie können vor allem mehr jüngere Menschen für klassische Musik begeistert werden?
Klassische Musik begeistert durch die Intensität und Energie mehr jüngere Menschen als man denkt. Viele junge Menschen waren noch nie in einem klassischen Konzert, nicht weil es zu teuer ist, sondern weil sie es nicht kennen und brauchen wie man Wasser zum Trinken braucht. Das beginnt bei der Erziehung zu Hause im Elternhaus und in den Schulen. Dort muss der Durst geweckt und gefördert werden, damit die Musik zur Quelle eines seelischen Wassers wird, auf welches man nicht mehr verzichten kann, weil es gut tut und uns Energie gibt, weil es eben Leben ist.
Es gibt kein magisches Rezept, um Menschen für die klassische Musik zu begeistern, aber es gibt bei jedem Menschen eine Seele zu ernähren.
Sie haben mit dem Solsberg-Festival vor 6 Jahren ein eigenes Festival gegründet. Was ist das Spezielle dieses Festivals?
Solsberg ist mein Kind. Zusammen mit meinem Freund Christoph Müller organisieren wir dieses Festival seit 6 Jahren. Es ist die Freiheit der Auswahl von Programmen und Künstler, welches dieses Festival sehr attraktiv macht. Die Musiker kommen nur, wenn sie Lust haben. Sie spielen, was sie gerne spielen möchten und der Ort ist so idyllisch, inmitten einer wunderbaren Natur, die dieses Festival zu etwas ganz Besonderem macht. Das Publikum macht eine Wanderung, isst im Dorf und geniesst das Konzert. Es ist die Verbindung von Natur und Musik auf höchstem Niveau.
Für das »Progetto Vivaldi« haben Sie ihr Cello mit Darmsaiten bespannt. Sie haben letztes Jahr die Capella-Gabetta gegründet und spielen in dieser Formation ausschliesslich Barockmusik. Wie intensiv befassen Sie sich mit historischer Aufführungspraxis?
Im September 2011 kommt meine neue CD mit dem »Progetto Vivaldi 2« heraus. Diese Projekte bereiten mir grosse Freude, insbesondere die intensive Zusammenarbeit mit meinem Bruder Andres Gabetta, der das Ensemble organisiert und leitet. Wir haben 2 Tourneen pro Jahr mit mir als Solistin, eine Sommer- und eine Weihnachtstournee, aber nur alle 2 Jahre. So hat man Zeit, neues Repertoire zu entdecken, die Konzertprogramme zu studieren und, wenn wir Lust haben und dies möglich ist, eine CD-Aufnahme zu machen.
Es ist nicht nur interessant für mich, mit Darmsaiten und Barockbogen zu spielen, sondern auch eine Entwicklung für mich als Musikerin, eine Suche in der Quelle der Musik und des Instrumentes, auf der Suche nach "weniger ist mehr".
Interview von Florian Schär | Classicpoint.ch | 21.07.2011
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