Stanley Dodds im Interview

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«Die digitale Verarbeitung spielt eine wichtige Rolle.»

Stanley Dodds ist Chefdirigent des Sinfonie Orchesters Berlin, das er seit 2014 in zehn stets ausverkauften Konzerten in der Berliner Philharmonie leitet, darunter das jährliche Neujahrskonzert mit Beethovens Neunter Symphonie. In jeder Saison wählt er einen thematischen Schwerpunkt für die Reihe. Nachdem 2018/19 die Musik von Brahms und 2019/20 die romantische Symphonik Russlands in den Fokus rückten, hätte 2020/21 ganz im Zeichen des Jubilars Beethoven gestanden. Aufgrund der Corona-Pandemie mussten jedoch bis auf ein Konzert im September 2020 bis Jahresende alle Konzerte des Orchesters entfallen.

Im Februar 2020 debütierte Stanley Dodds bei dem Vancouver Symphony Orchestra. Trotz der Einschränkungen durch die Pandemie konnte er im Oktober 2020 einer Einladung der Staatskapelle Halle folgen und an der Saale in drei Sinfoniekonzerten Werke von Beethoven dirigieren. In Berlin war er zudem im Rahmen des Musikfests zu erleben, wo er Musiker der Berliner Philharmoniker in einem Wolfgang Rihm gewidmeten Programm mit Tabea Zimmermann, Christian Gerhaher, Jörg Widmann und Tamara Stefanovich als Solisten dirigierte. Da die Wiederholung des Programms in der Reihe Musica Viva im Münchner Prinzregententheater pandemiebedingt nicht vor Publikum stattfinden konnte, dirigierte Stanley Dodds hier die Musiker des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks in einem live gestreamten Konzert und Hörfunk-Produktion.

Sie sind in Kanada geboren, in Australien aufgewachsen, haben in Österreich und der Schweiz studiert und arbeiten jetzt in Deutschland. Wo fühlen Sie sich zu Hause?
Ich lebe jetzt seit fast 30 Jahren in Berlin und es ist der Ort, den ich mein Zuhause nenne. Meine Kinder sind alle hier aufgewachsen, es ist eine echte Hauptstadt der Künste, und die Philharmonie ist das Zentrum meiner künstlerischen Aktivitäten. Heute kann ich mir nicht mehr vorstellen, woanders zu leben. In dieser Zeit hat sich die Stadt dramatisch verändert und entwickelt sich weiter, was sie zu einem sehr spannenden Ort zum Leben macht. Wie Sie sehen können, liebe ich Berlin!

Sie wurden direkt nach Ihrem Studium von den Berliner Philharmonikern aufgenommen. Haben Sie nie daran gedacht, eine Solokarriere zu starten?
Ich habe über 5 Jahre an der Musikhochschule Luzern studiert. Während dieser Zeit hatte ich wunderbare Erfahrungen bei weltweiten Auftritten, auch als Solist, mit den Festival Strings Lucerne. (Mein Bruder Daniel Dodds ist heute der künstlerische Leiter der Festival Strings). Nach meinem Studium in Luzern schaute ich nach Deutschland, um meine Studien fortzusetzen. Ich wurde auf die Karajan-Akademie der Berliner Philharmoniker aufmerksam gemacht, wo ich vorspielte und einen Platz erhielt. Sie schien mir der ideale Ort zu sein, um mein Studium fortzusetzen, mit wöchentlichem Unterricht bei den Chefs des Orchesters, einem Schwerpunkt auf Kammermusik und regelmäßiger Arbeit mit dem Orchester. Als ich mein Studium abschloss, hatte ich noch nicht viel Erfahrung mit professionellen Sinfonieorchestern und war mir des wunderbaren Universums, in das ich eintreten würde, noch gar nicht bewusst.

Bei den Berliner Philharmonikern sind Sie auch für Medienrechte und die Entwicklung digitaler Plattformen zuständig. Was sind dort Ihre aktuellen Projekte?
Ich bin Mitglied des Vorstandes der Stiftung Berliner Philharmoniker, die für das Management des Orchesters und der Philharmonie zuständig ist. Innerhalb des Vorstandes bin ich als Medienvorstand insbesondere für die Verwaltung der Medienrechte des Orchesters für alle Kommunikations- und Verwertungsformen zuständig. Das Orchester hat eine jahrzehntelange Tradition, diese Rechte selbst zu verwalten. Ich habe miterlebt, wie sich der Schwerpunkt von den physischen Medien in den neunziger Jahren zu den Streaming-Diensten der Gegenwart verschoben hat, ein Wandel, der die Implosion des bestehenden Geschäftsmodells und eine völlige Umgestaltung der gesamten Branche bedeutete. Die Berliner Philharmoniker haben diese Entwicklungen frühzeitig erkannt und als einer der Pioniere des Live-Event-Streamings mit dem Aufbau einer hochwertigen digitalen Streaming-Plattform begonnen. Unsere Plattform Digital Concert Hall befindet sich bereits in der dritten Generation, streamt in 4K HDR und mit vielen zusätzlichen State-of-the-Art-Features und verfügt über ein Archiv der letzten 13 Jahre mit hunderten von Stunden an Aufführungen. Darüber hinaus hat das Orchester auch sein eigenes Label Berliner Philharmoniker Recordings gegründet. Zu den aktuellen Projekten gehören die Planung neuer Veröffentlichungen mit unserem Chefdirigenten Kirill Petrenko und die technische Weiterentwicklung der Streaming-Plattform.

Wo sehen Sie die Zukunft?
Auch wenn die Schließung der Konzertsäle eine Katastrophe für die Kunst war, bin ich dankbar für die klare und tiefe Überzeugung, die sie bei mir hinterlassen hat, wie wichtig Live-Musikaufführungen sind. Das Phänomen, Spieler und Publikum in einem erstklassigen Konzertsaal zu vereinen, ist einzigartig und unersetzlich, ganz gleich, wie hoch entwickelt die Technik auch sein mag. Das ist sowohl eine Erleichterung als auch eine Herausforderung, denn ich glaube auch, dass die digitale Verbreitung unserer Kunst eine äußerst wichtige Rolle spielen muss. Vor allem für diejenigen, die keinen unmittelbaren Zugang zum Live-Erlebnis haben, aber auch als Ergänzung für diejenigen, die tiefer eindringen und ihrer Neugier auf die Live-Performance nachgehen wollen. Die digitale Sphäre ist unersetzlich, wenn es darum geht, mit Gleichgesinnten in aller Welt in Kontakt zu bleiben, die sich für Musik begeistern.

Sie sind auch als Dirigent tätig, zum einen mit verschiedenen Formationen der Berliner Philharmoniker, aber auch als Chefdirigent des Sinfonie Orchesters Berlin. Wie gut lässt sich das alles vereinbaren?
Wie ich schon sagte, ist die Philharmonie in der Tat das Zentrum meiner künstlerischen Tätigkeit. Das Sinfonie Orchester Berlin spielt seit über 60 Jahren ausschließlich in der Philharmonie, so dass es keine Überschneidungen von Konzertterminen geben kann. Es ist ein großes Privileg und eine große Erleichterung, dass ich in einem ikonischen Gebäude einer so vielfältigen Tätigkeit nachgehen kann. Neben meinen Gastauftritten mit anderen Orchestern ist mir auch die Arbeit mit jungen Musikern sehr wichtig. Es ist immer eine große Freude, mit den aktuellen Stipendiaten der Karajan-Akademie zu arbeiten und seit 10 Jahren leite ich das Landesjugendorchester Mecklenburg-Vorpommern.

Was ist für Sie als Dirigent wichtig?
Ich bin zum Dirigieren gekommen, indem ich im Orchester mitgespielt habe. Vom Orchester aus habe ich den Dirigenten und das Geschehen um mich herum beobachtet und mir viele Fragen gestellt, wie und warum das funktioniert oder nicht, und mich manchmal gefragt, ob man es nicht anders machen könnte. Diese Erfahrungen prägen mich auch heute noch, wenn ich vor einem Orchester stehe, wobei ich durch die jahrelange Erfahrung im Wechsel zwischen den beiden Rollen auch die grundlegenden Unterschiede gelernt habe. Ich sehe meine Rolle als Dirigent darin, das Orchester in der zur Verfügung stehenden Zeit zur bestmöglichen Leistung zu bringen, indem ich meine Erfahrungen als Spieler und Dirigent, mein über die Jahre erworbenes handwerkliches Können und mein Verständnis von Orchestern im Allgemeinen einsetze.

Was ist für Sie als Geiger wichtig?
Für mich ist es wichtig, ein aktiver Spieler zu bleiben. So sehr mich das Dirigieren auch herausfordert und mir große Freude bereitet, es gibt keinen Ersatz für die unmittelbare und sinnliche Befriedigung, den Ton selbst zu erzeugen. Als Spieler bleibt man ehrlich und entsprechend bescheiden. Was man spielt, kann jeder hören, während das Dirigieren ein geheimnisvoller und oft missverstandener Beruf ist. Es ist im Grunde ein Paradoxon - ein Musiker, der keinen Ton macht!

Ist es schwieriger oder leichter, Ihre Kollegen bei den Berliner Philharmonikern zu dirigieren als ein "fremdes Orchester"?
Das Dirigieren meiner Kollegen ist mir sowohl vertraut als auch fremd. Musikalisch finden wir sehr schnell zueinander, aber es ist für sie vielleicht etwas Ungewohntes, von einem Spielerkollegen dirigiert zu werden, dafür bin ich sensibel. In der Beziehung zwischen Dirigent und Spielern ist immer ein gewisser persönlicher Abstand erforderlich, was vor allem an der Hierarchie der Situation liegt. Die Spieler sind eher daran gewöhnt, Primus inter Pares zu sein, und ich versuche, dem in unserer gemeinsamen Arbeit Rechnung zu tragen. Im Gegensatz dazu braucht jedes neue Orchester eine Phase, in der wir uns gegenseitig kennen lernen, und das läuft nicht immer reibungslos ab. Aber das ist das tägliche Brot eines Dirigenten. Der Beruf bringt selten den Vorteil, dass man von allen geliebt wird.

Sie leiten regelmäßig Konzertprojekte mit Kindern, Jugendlichen und Amateuren. Warum liegt Ihnen das besonders am Herzen?
Ich glaube, dass junge Musiker und Amateure ein sehr wichtiger Bestandteil unseres Publikums sind, auf das wir als Profis angewiesen sind. Amateure schätzen das, was wir tun, aus dem Blickwinkel, selbst aktive Musiker zu sein. Ihre ungetrübte Liebe zur Musik überträgt sich wahrscheinlich auch auf die nächste Generation, denn oft sind es ihre Kinder, die ein Musikinstrument erlernen. Und außerdem liebe ich es, mich regelmäßig von ihrer unbändigen Begeisterung anstecken zu lassen.

Welche Leidenschaften haben Sie neben der Musik?
Ich liebe das Meer und die Berge. Mein einziger Kritikpunkt an Berlin wäre, dass es zu weit von den Alpen entfernt ist, zum Skifahren im Winter und zum Wandern im Sommer. Außerdem bin ich ein leidenschaftlicher Segler und träume immer von der nächsten Kreuzfahrt.


Interview von Florian Schär | Classicpoint.net | 23.08.2021