"La traviata" in Wien: It-Girl auf der Leidensbühne

Der ganz große Wurf ist diese "La traviata" von Regisseur Simon Stone nicht. Am Sonntagabend hatte die Giuseppe Verdi-Oper an der Wiener Staatsoper ihre Stream-Premiere, an der Opéra national de Paris war die Kooperation in der vergangenen Saison zu sehen. Und trotz einiger berührender Szenen, viel musikalischer Feinarbeit und tollen Sängern bleibt der Eindruck insgesamt blass.

"La traviata"

"La traviata"

Das liegt in erster Linie an den grellen, überdimensionalen Bildern, die Violetta als Influencerin in Social-Media-Zeit zeigen, die einerseits oft nicht mit den musikalischen Farben der Partitur korrespondieren, ihnen andererseits auch nicht gekonnt entgegenwirken. Hier ist kein Konzept des Schauspielregisseurs Stone erkennbar. Denn die Handlung in die Smartphone-Ära zu versetzen, ist inhaltlich nachvollziehbar und keine revolutionäre Idee - gäbe es da nicht noch die Musik. Und ihr rauben die bunten Revueeindrücke an zentralen Stellen schlicht die emotionale Überzeugungskraft.

Das ist schade, denn Giacomo Sagripanti leitet die Staatsopern-Philharmoniker bei seinem Debüt souverän und stimmig. Pretty Yende wächst als Violetta im Finale Schritt für Schritt rollengerecht ins Dramatische, körpersprachlich aber nimmt man ihr das große Sterbeleiden nicht szenefüllend ab. Juan Diego Flórez singt einen solide-sicheren Alfredo, dem es etwas an eloquentem Eroberer-Charme fehlt, Igor Golovatenko im Rollendebüt den Giorgio Germont in allerschönster Belcanto-Kultur. So bleibt die Produktion letztendlich hinter den Möglichkeiten zurück.

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