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Beethoven-Sonaten I & II

Beethoven-Sonaten I & II

08. und 10. Oktober 2020 | Tertianum Thun, Bellevue Park (CH)

09. und 11. Oktober 2020 | Forum Yehudin Menuhin, Bern (CH)

Hiroko Sakagami (Klavier), Isabelle van Keulen (Violine)

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Aktuelles Interview

Christian Knüsel

Sebastian Knauer im aktuellen Interview.

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Christian Knüsel im Interview

Christian Knuesel

« Welten verbinden »

Christian Knüsel ist seit 2012 künstlerischer Leiter und Dirigent des Neuen Orchesters Basel (NOB). Nach Lehr-, Konzert- und Solistendiplom-Ausbildung in der Schweiz, Holland und USA studierte er Dirigieren, Musikwissenschaft und Philosophie. Kürzlich wurde er von der Mährischen Philharmonie als Principal Guest Conductor ausgewählt, um ab der Saison 20/21 eines der traditionsreichsten Orchester Tschechiens weiterzuentwickeln.
Die Dienemann-Stiftung zeichnete ihn 2018 mit einem namhaften Sonderpreis aus für sein Wirken als Dirigent, für differenzierte Konzertprogramme und innovative Formate. Am 2. September 2020 ist er mit dem NOB in einem besonderen Konzert in Basel zu erleben, wo der bedeutende Musiksaal des Stadtcasinos Basel nach vierjähriger Bauzeit wiedereröffnet wird.

Im folgenden Interview spricht Christian Knüsel über die Wiedereröffnung des Stadtcasinos Basel, das spezielle Programm zur Wiedereröffnung und seine Zeit bei der Mährischen Philharmonie.

Classicpoint.net: Wie ist die Idee für diesen Konzertabend zu „Musik&Architektur“ entstanden?
Die Wiedereröffnung des Stadtcasinos ist ein grosses Ereignis, der Musiksaal wird weltweit für seine Akustik geschätzt. Da schien es naheliegend, den Saal ins Zentrum zu rücken. Konzerte sollen nicht im Elfenbeinturm stattfinden. Als Hörer fühle ich mich direkter angesprochen, wenn ein Programm einen unverwechselbaren Charakter hat und beispielsweise auf ein gesellschaftliches Ereignis Bezug nimmt.

Das Programm ist auf diesen Ort und den Moment der Wiedereröffnung zugeschnitten. Sind solche Querverbindungen eine Chance für vielfältigere Konzertprogramme?
Absolut. Bekannte Musikstücke gelten als Meisterwerke, sie werden auf einen Sockel gehoben, wirken unantastbar. Aber hinter der Musik steht ein Komponist mit seinem Leben und seinen Ideen, jedes Werk hat eine eigene Geschichte. Wenn es gelingt, den Kontext aufleben zu lassen, werden auch die Werke anders wahrgenommen. Darum haben wir beim NOB das Saisonthema „Welten verbinden“ gewählt und stellen in den Konzerten Querbezüge zu andern Disziplinen her, wie eben hier zur Architektur.

Wie bei der Eröffnung des Musiksaals im Jahr 1876 erklingen Mozarts Zauberflöte-Ouvertüre und Beethovens Neunte Sinfonie. Darüber hinaus erhält das Publikum exklusive Einblicke in die Entstehung des Projekts «Erweiterung Stadtcasino Basel». Welche Entsprechungen gibt es zwischen Architektur und Musik?
Tatsächlich gibt es wesentliche Parallelen, nur schon in der Terminologie. Viele musikalische Begriffe sind der Architektur entlehnt, auch in der Musik spricht man von Form und Material, von Motiven und Farben. Musiker und Architekt arbeiten beide mit historischem Material und interpretieren es im Hier und Jetzt. Die Architekten Herzog & de Meuron stellten den Musiksaal von 1876 als eigenständigen Baukörper ins Zentrum ihres Projekts. Wir wollten darum auch musikalisch auf die Entstehungszeit, und damit aufs Eröffnungskonzert von 1876, Bezug nehmen.

Wie muss man sich den Austausch mit den Architekten für die Gestaltung dieses Programms vorstellen?
Die Gespräche und Diskussionen mit Andreas Fries, dem verantwortlichen Partner von Herzog & de Meuron, waren sehr inspirierend. In Rundgängen auf der Baustelle habe ich weitere Einblicke erhalten. Aus all diesen Eindrücken versuchte ich ein stimmiges Konzertprogramm zu entwickeln, das die Parallelen zwischen Architektur und Musik spielerisch aufgreift und gleichzeitig jeder Disziplin ihren eigenen Raum lässt.

Im Auftrag des NOB schreibt der renommierte, in New York lebende Schweizer Komponist Daniel Schnyder für diesen Anlass einen klingenden Kommentar zu Beethovens visionärem Werk. Wie kam es dazu?
Beethovens Neunte war prägend für die Musikgeschichte wie kaum ein zweites Werk. Überspitzt könnte man sagen, alle nachfolgenden Komponisten sinfonischer Werke mussten sich der Entscheidung stellen, entweder daran anzuknüpfen oder ein eigenes Konzept zu finden, sozusagen gegen die Neunte anzuschreiben. Die Bedeutung von Beethovens Werk geht über das Musikalische hinaus, die Neunte ist auch ein glühendes Manifest menscheitsverbindender Ideale. Sie ist inzwischen eine regelrechte Marke, ein Label: als offizielle Europahymne, als Bestandteil des UNESCO-Weltkulturerbes und bevorzugtes Feierstück bei wichtigen Ereignissen wie dem Fall der Berliner Mauer. Umso wichtiger schien uns, dass es mit Schnyders Werk auch Platz gibt für einen aktuellen, augenzwinkernden Kommentar.

Hat das NOB beim Kompositionsprozess Einfluss genommen?
Es war mir wichtig, dass nicht das altbekannte Bild der Neunten zementiert wird, sondern unbekanntere Seiten zum Vorschein kommen. Die Neunte ist voll von bemerkenswerten Stellen, z.B. wenn Beethoven in der Durchführung des ersten Satzes in eine statische, spannungsgeladene Klangfläche hinein plötzlich gezupfte Kontrabass-Offbeats einbringt und damit unerwarteten Drive und Groove. Es war mir darum wichtig, einen Komponisten zu finden, der wie Daniel Schnyder in der Klassik und im Jazz zuhause ist.

Nimmt Schnyder in seiner Komposition direkten Bezug auf die Neunte?
Ja, Schnyders Werk reflektiert die Sinfonie mit vielfältigen Bezügen, beispielsweise vollzieht sein Stück ebenfalls den Weg von d-Moll nach D-Dur. Mein zentrales Anliegen war jedoch, dass Schnyders Werk einen heiteren, leichten Kontrapunkt setzt zur bedeutungsvollen Rezeption der Neunten. Und dass sich der Komponist am Vorgehen der Architekten orientiert. Wie man auf den ersten Blick sieht, greifen Herzog & de Meuron die Sprache des bestehenden Gebäudes auf. Es schien mir reizvoll, wenn Schnyder in seinem Stück ebenfalls Motive und Techniken von Beethoven aufgreift, und zwar in der Art, wie die Architekten mit Motiven der historischen Bausubstanz verfahren sind.

Keine einfache Ausgangslage. Wie hat Schnyder auf diese Vorgaben reagiert?
Mit grossem Interesse und viel Humor. Daniel ist sehr versiert im Umgang mit solchen Aufgabenstellungen, sodass trotz aller Querverbindungen ein absolut eigenständiges Werk entstanden ist. Das war auch von Anfang an die Idee.

Es wird interessant sein zu erfahren, wie diese verschiedenen musikalischen Welten im neueröffneten Konzertsaal wirken.
Verschiedene Welten gehören zur DNA des Stadtcasino-Musiksaals. Er ist nicht nur berühmt für seine hervorragende Akustik, sondern auch für die bewegte Geschichte: vor 100 Jahren fand hier die erste Schweizerische Mustermesse statt, auch Maskenbälle und Boxkämpfe, ja sogar der Grundstein zur Staatsgründung Israels wurde im Basler Musiksaal gelegt.

Wie ist Ihre eigene Beziehung zum Saal? Was für persönliche Erlebnisse verbinden Sie mit diesem Ort?
Als Orchestermusiker habe ich einige Konzerte gespielt, drei Mal bin ich im Musiksaal als Solist aufgetreten, zuletzt mit dem Armeespiel. Daran erinnere ich mich genau, es war an einem besonders heissen Frühsommertag mit tropischen Temperaturen im Saal. Gut, dass diese Zeiten dank einer zeitgemässen Saal-Klimatisierung hoffentlich bald vorbei sind.

Renovationsbedarf besteht nicht nur bei Konzertsälen, auch die klassische Musikszene braucht frischen Wind. Wie gelingt eine nachhaltige Erneuerung?
Tradition muss immer wieder neu befragt werden, wenn sie lebendig bleiben soll. Ebenso wichtig ist das Vertrauen in die Werke. Was Qualität und Substanz hat, bleibt aktuell. Zahlreiche Werke Beethovens wurden zunächst abgelehnt, wie auch der Eiffelturm, um bei den Parallelen zwischen Architektur und Musik zu bleiben. Innovation ist wichtig, neue Werke, neue Orte, neue Präsentationsformen, aber das Wichtigste bleibt, was im Kopf und in den Herzen der Musizierenden vor sich geht. Leidenschaft und Hingabe wirken ansteckend, gerade wenn im hochentwickelten Zusammenspiel der klassischen Musik eine neue Einheit entstehen kann. Die Frage für eine lebendige Musikszene wäre demnach: Wie kann das Musizieren in der Gesellschaft nachhaltig verankert werden?

Wie lauten Ihre Schlussfolgerungen?
Mir scheint, unsere Musikszene kann von anderen Bereichen und von früheren Zeiten einiges lernen. Ich arbeite mit dem NOB an der Lancierung eines grossangelegten Projekts zu diesem Thema. Wenn man will, könnte man auch diese Initiative auf die Neunte zurückbeziehen, auf das Ideal von Entfaltung und Erfüllung durch Musik und auf Beethovens Utopie einer menschenverbindenden Musik.

Sie wurden von der Mährischen Philharmonie, wo schon Gustav Mahler dirigierte, für die Position als Principal Guest Conductor ausgewählt. Hat in diesem zweijährigen Selektionsverfahren unter internationalen Gastdirigenten auch ihre Kompetenz für innovative Konzertprogramme eine Rolle gespielt?
Vielleicht für die Einladung, im weiteren Verlauf nicht. Ich habe einen Programmvorschlag des Intendanten übernommen und dirigierte zwei Konzerte mit dem Orchester. Konzeptionelle Überlegungen rücken bei der Arbeit mit den Musikern in den Hintergrund, der unmittelbare Austausch zählt. Es ist wie in der Liebe: Wenn man Glück hat, springt der Funke.


Interview von Florian Schär | Classicpoint.net | 1.08.2020

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